Krümmel - der Pannenreaktor
Warum das AKW Krümmel besonders gefährlich ist

Das Atomkraftwerk Krümmel liegt an der Elbe, etwa 30 Kilometer östlich des Stadtzentrums von Hamburg. Obwohl das AKW erst 1983 in Betrieb genommen wurde, gehört es vom Bautyp her zu den alten Siedewasserreaktoren. Der Reaktor steht nach gravierenden Störfällen seit mehr als drei Jahren still. Der Betreiber Vattenfall kündigt aber die Wiederinbetriebnahme für die zweite Jahreshälfte 2011 an.
Störanfällig wie kaum ein anderer
Mit 112 „meldepflichtigen Ereignissen“ zwischen Januar 1997 und September 2008 und mehr als 300 seit Inbetriebnahme 1983, gehört das AKW Krümmel trotz unzähliger Reparaturen und Nachbesserungen noch immer zu den störanfälligsten Reaktoren der Republik. Lediglich die Uralt-Meiler Brunsbüttel, Biblis A und Biblis B stehen in dieser Hinsicht noch schlechter da.
Von Anfang an veraltet
Das AKW Krümmel ist von seinem Aufbau her lediglich eine leicht modernisierte Variante eines deutlich älteren Atomkraftwerk-Typs. Es galt schon bei seiner Inbetriebnahme 1983 als veraltet. Seit Inbetriebnahme zählte die Störfallmeldestelle insgesamt mehr als 300 „meldepflichtige Ereignisse“ in Krümmel. Wie bei allen AKWs in Deutschland entsprechen auch die Sicherheitsvorkehrungen in Krümmel nicht dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts müsste es daher abgeschaltet bleiben.
Kein Schutz gegen Flugzeugabstürze
Wie alle Atomkraftwerke würde auch das AKW Krümmel den Absturz eines Passagierflugzeugs nicht überstehen. Das Sozialministerium in Kiel verweist bisher darauf, das Risiko eines solchen Absturzes sei „praktisch ausgeschlossen“. Das Bundesverfassungsgericht hat dagegen bei Atomanlagen einen Schutz gegen alle nur denkbaren Unfälle zur Auflage gemacht.
Größte Leukämiehäufung weltweit
Im dünn besiedelten Umkreis von fünf Kilometern um das AKW Krümmel sind seit 1989 mindestens 19 Kinder an Leukämie (Blutkrebs) erkrankt. Das ist die weltweit größte Häufung auf so engem Raum. Eine Studie des Mainzer Kinderkrebsregisters wies unlängst ein erhöhtes Krebsrisiko bis zu 50 Kilometern rings um alle deutschen Atomkraftwerke nach.
Für die Stromversorgung unnötig
Sowohl das AKW Krümmel als auch das AKW Brunsbüttel stehen seit den Unfällen Ende Juni 2007 still. Trotzdem ist nirgendwo ein Licht ausgegangen. Vielmehr exportiert Deutschland immer noch jedes Jahr mehrere Terawattstunden überschüssigen Strom ins Ausland.
Entsorgungsmärchen
Die 2. Teilgenehmigung für das AKW Krümmel verweist beim Thema Atommüll auf das niemals als Endlager genehmigte ehemalige Salzbergwerk Asse II. Dieses garantiere den „langfristigen Ausschluss (der radioaktiven Stoffe) aus dem Biozyklus“, da „Salzlagerstätten (…) praktisch keinen Kontakt mit unterirdischen Wässern hatten bzw. haben“. Seit 1988 dringen täglich 12.000 Liter Wasser in die Stollen der Asse ein. Von dem Atommüll aus Krümmel ist bis heute kein einziges Gramm schadlos entsorgt.
Sicherheitsrisiko Vattenfall
Der Stromkonzern Vattenfall, Betreiber des AKW Krümmel, hat schon immer behauptet, alle seine Atomkraftwerke seien sicher. Das war schon immer falsch. Richtig ist vielmehr, dass Vattenfall-AKW bereits mehrfach haarscharf an einer Katastrophe vorbeischrammten. So zerfetzte Ende 2001 im AKW Brunsbüttel eine Wasserstoffexplosion mehrere Meter einer Rohrleitung direkt neben dem Reaktordruckbehälter. Und das schwedische AKW Forsmark stand im Sommer 2006 nach einem Stromausfall kurz vor der Kernschmelze. Kaputte Schalter, defekte Pumpen, marode Dichtungen, mangelhafte Elektrik und Fehler in der Notstromversorgung sind in Vattenfall-Atomkraftwerken offensichtlich eher die Regel als die Ausnahme. In Stresssituationen klappt zudem noch nicht einmal die Kommunikation in der Steuerwarte des Reaktors: Das haben die Pannen beim Brand im AKW Krümmel im Juni 2007 gezeigt.
Profit vor Sicherheit
Vattenfall hat mehrfach bewiesen, dass im Konzern Profit vor Sicherheit geht. Nach der Wasserstoffexplosion im Dezember 2001 lief das AKW Brunsbüttel zunächst monatelang weiter. Auch nach dem Beinahe-GAU in Forsmark im Juli 2006 schaltete Vattenfall das AKW zunächst tagelang nicht richtig ab. Einen weiteren Reaktor in Forsmark ließ Vattenfall wochenlang weiter am Netz, obwohl es deutliche Hinweise auf eine gefährliche Störung im Kühlkreislauf gab. Und die rund 40 Risse an Armaturen im AKW Krümmel, die Vattenfall in den letzten Monaten aufwändig reparieren ließ, wären ohne den Trafobrand im Juni 2007 wahrscheinlich gar nicht entdeckt worden: Für solche Prüfungen ist bei einer normalen Revision normalerweise gar keine Zeit. Wer weiß, welche Fehler als nächstes unentdeckt bleiben – und welche Folgen sie haben werden?
Kein Geld für Klimakiller!
Läuft das AKW Krümmel, beschert es Vattenfall jeden Tag rund eine Million Euro Gewinn. Hat Vattenfall das verdient? Nein. Denn Vattenfall setzt weiterhin auf hochriskanten Atom- und klimaschädlichen Kohlestrom. So baut der Konzern in Hamburg-Moorburg ein Steinkohlekraftwerk, das jährlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 und jede Menge Gifte in die Luft pusten wird. In Brandenburg will Vattenfall mindestens ein Dutzend Dörfer abreißen, um darunter Braunkohle für seine Kraftwerke zu fördern – übrigens mit die klimaschädlichsten in ganz Europa. Und Vattenfall müht sich nach Kräften, den Atomausstieg zu kippen: Der Konzern will seine gefährlichen Schrott-Reaktoren Krümmel und Brunsbüttel sogar noch länger betreiben, als im „Atomkonsens“ von Juni 2000 vereinbart.
Zum Weiterlesen:
- Chronik und aktuelle Meldungen bei ContrAtom
- taz: Skandalchronik Krümmel
- BUND-Analyse „Vattenfalls riskante Atomgeschäfte“ (PDF)
- IPPNW-Informationen zur rechtlichen Verpflichtung, unsichere Atomkraftwerke stillzulegen
- Greenpeace-Dossier über das Entsorgungsmärchen Asse II (PDF)
- .ausgestrahlt-Broschüre „Asse, Gorleben und andere Katastrophen“
- .ausgestrahlt/IPPNW-Broschüre „Atomkraftwerke machen Kinder krank“
- Greenpeace-Dossier „Schwarzbuch Vattenfall“
- Vattenfall gewinnt den „Climate Greenwash Award“ für die dreistesten Werbelügen in puncto Klimaschutz
- Kommentar in der Frankfurter Rundschau zum Störfall-Ranking der Atomkraftwerke
- Zwei Artikel zu den Gefahren eines Flugzeugabsturzes auf das AKW Krümmel:
Landeszeitung Lüneburg vom 16. Januar 2009
Landeszeitung Lüneburg vom 30. April 2009 - Interview mit Reaktorsicherheitsexperte Christian Küppers (Öko-Institut) über die Mängel des AKW Krümmel
Krümmel-Chronik
Was bisher geschah
Am 9. Dezember 2010 fällt die designierte Chefin des AKW Krümmel durch die nötige Prüfung. Es war ihr (zum Glück nur in einer Gefahren-Simulation) über zwei Stunden hinweg nicht gelungen, den Reaktor in einen halbwegs sicheren Zustand zu bringen. Die Prüfer attestierten Kommunikations-Mängel - die schon Ursache der vorherigen Störfälle waren. Vattenfall kann ohne AKW-Leiterin keinen Inbetriebnahme-Antrag stellen.
Im September 2010 einigen sich CDU, CSU und FDP, die Laufzeiten aller Reaktoren um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern - auch die des Pannenreaktors Krümmel. Unter Volllastbetrieb hieße das einen Weiterbetrieb des Meilers bis mindestens 2030. Vattenfall kündigt an, Krümmel spätestens Anfang 2011 wieder in Betrieb zu nehmen.
Am 24. April 2010 protestierten auf Initiative von .ausgestrahlt und anderen Organisationen etwa 120.000 Menschen mit einer 120 Kilometer langen Menschenkette zwischen den AKW Brunsbüttel und Krümmel gegen Atomkraft und gegen eine Wiederinbetriebnahme der beiden Pannenreaktoren.
Am 28. Juni 2007 kommt es in einem der beiden Haupttransformatoren des AKW zu einem Kurzschluss, der Trafo gerät in Brand. Bei der daraufhin folgenden Schnellabschaltung passieren gefährliche Bedienungsfehler, der Wasserspiegel im Reaktorkern sinkt dramatisch ab. In den folgenden Wochen tauchen bei Prüfungen immer neue Sicherheitsmängel auf, unter anderem Risse an Armaturen und falsch montierte Dübel bei wichtigen Anlagenteilen. Diese Mängel waren jahrelang unbemerkt geblieben.
Nach fast zweijährigem Stillstand beantragt Vattenfall am 16. Juni 2009, den Reaktor wieder in Betrieb nehmen. zu dürfen. Mehr als 2.000 Menschen protestieren dagegen per E-Mail, Postkarte, Telefon und Brief bei der für Reaktorsicherheit zuständigen schleswig-holsteinischen Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD). Am 19. Juni 2009 genehmigt Trauernicht die Wiederinbetriebnahme des Reaktors. Den Protestierenden teilt sie mit, ihre Behörde habe „mit größter Sorgfalt und umfassend die Beseitigung der Mängel überwacht“ und dabei „strengste Maßstäbe“ angesetzt (Antwort von Trauernicht und unser Kommentar dazu). Vattenfall versichert den AnwohnerInnen des Kraftwerks in einem Brief (PDF), „dass das Kernkraftwerk Krümmel sicherheitstechnisch auf dem neuesten Stand ist.“
Am 23. Juni 2009, vier Tage nach Wiederanfahren, muss Vattenfall einen Elektronikdefekt melden. Defekte Elektronik hatte bereits beim Brand 2007 zum Ausfall einer sicherheitsrelevanten Pumpe geführt.
Am 1. Juli 2009 fällt ein Trafo aus, der das Reaktorsystem mit Strom versorgen soll. Ursache ist ein Ventil, das nach Wartungsarbeiten nicht wieder zurückgestellt worden war. Anwohner decken auf, dass der Reaktor deswegen herunterfahren musste. Wie schon im Juni 2007 treten aufgrund der Störung Probleme bei der Steuerung der Speisewasserpumpen auf.
Am 4. Juli 2009 löst ein Kurzschluss in einem der beiden großen Netz-Transformatoren eine Notabschaltung aus. Ein solcher Kurzschluss in dem anderen Trafo hatte im Juni 2007 den schweren Brand verursacht. Wie 2007 tritt wieder Öl aus dem Trafo aus – nur entzündet es sich diesmal nicht. Vattenfall beteuert, den fraglichen Trafo nach dem Brand 2007 intensiv untersucht zu haben.
Wegen Sicherheitsmängeln und Reparaturen liegt der Reaktor seit dem 4. Juli 2009 wieder komplett still.
AKW Krümmel und Brunsbüttel bleiben aus!
Wir sagen Nein zu gefährlichen Pannen-AKW! Wir fordern, dass Sicherheit endlich oberste Priorität hat: Krümmel und Brunsbüttel dürfen nicht wieder ans Netz gehen. Unterschreiben auch Sie!
